Sven Hennessen

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Elektroautos

2020-02-09

Ich bin seit 2014 im Schnitt 40.000 km im Jahr gefahren. Das Verhältnis beruflich/privat war dabei schätzungsweise 60/40% . Nach etwas mehr als 2 Monaten “schaffe ichs mit Bus und Bahn”, brauch ich ein neues Auto. Test gescheitert. Einen Verbrenner möchte ich in 2020 wegen der Klimathematik nicht mehr kaufen.

Dazu habe ich mich in den letzten Wochen etwas schlau gemacht und einige Diskussionen geführt. Was davon bei mir hängengeblieben ist, möchte ich hier mal niederschreiben.

ABER Elektroauto

Warum ein Elektroauto und kein Verbrenner? Klimaschutz und Begrenztheit auf fossile Brenntstoffe sind dabei die Hauptgründe für mich. Ein Kommentar, der dann richtiger Weise schnell kommt ist: “Na dann fahr doch Bus und Bahn”. Um das Vorweg zu nehmen, genau das mache ich seit mehr als zwei Monaten um es auszuprobieren. Das Ergebnis für mich: Beruflich und privat einschränkend. In Ballungszentren und Großstätten ist die Art sich zu bewegen bestimmt heute schon möglich, in Randgebieten und im ländlichen Umfeld nicht.

Ich werde hier aber nicht auf den Problemen des öffentlichen Verkehrsnetzes herumreiten. Das ist ein Thema für einen anderen Tag.

In den Diskussionen in verschiedenen Kreisen begegnen einem oft die gleichen skeptischen Fragen und Gegenargumente (“Aber …”). In den nächsten Abschnitten soll es darum gehen, wie ich die einzelnen “Aber”s mittlerweile Bewerte.

Aber die Reichweite

Die Reichweite habe ich als populärstes Gegenargument von Elektroautos erlebt. Fakt ist, dass PKWs in Deutschland 13.727 km pro Jahr fahren (laut Kraftfahrtbundesamt). Runtergebrochen auf den Tag sind das knapp 39 km. Ja, das ist ein Mittelwert und ja, natürlich gibt es Ausreißer. Dennoch gibt der Wert einen Anhaltspunkt welches Nutzungsprofil auf viele Fahrzeuge in Deutschland zutreffen dürfte, besonders wenn man Werte und Umfragen zur Pendlerentfernung seit Mitte der 90er bis 2012 bzw. aus 2017 daneben hält.

Als wichtigstes Argument sehe ich: Ein E-Auto macht dann Sinn wenn es zu Hause, dort wo es über nacht lange steht geladen werden kann. Ich muss mein Auto nicht beim Tankstellen-Besuch aufladen, sondern fahre jeden morgen mit (nahezu) vollem los. Danach hängt es stark vom Nutzungsprofil im Alltag ab, und der Planbarkeit des Tagesablaufs und ob untertags nochmal geladen werden kann (Arbeit, Aldi, Uni, etc.) ab, ob die Reichweite problematisch sein kann.

Die Reichweite wird also nur dann ein Thema, wenn an einem Tag mehr gefahren werden muss, als die maximale Reichweite hergibt und bei Standzeiten kein Ladepunkt verfügbar ist. Als Beispiel für ein Elektro-Stadtauto nehmen wir mal den E-Golf, mit einer “Praxisnahen Reichweite von 170-230 km” laut VW (WLTP). Mit diesem Wert und der Betrachtung oben, glaube ich, dass ein Großteil der Anwendungsfälle im Alltag abdeckbar sind.

Wenn über die maximale Fahrzeug Reichweite hinaus gefahren wird (Langstrecke), muss nachgeladen werden und das deutlich schneller als man es über Nacht zu Hause können will. Fahrzeuge wie der E-Golf oder auch der Hyundai Ioniq, haben keine aktive Batteriekühlung und sind dann benachteiligt. Warum? Batterien müssen für die optimale Ladeleistung eine gewisse Temperatur haben. Temperaturen darüber oder darunter sind suboptimal weil etwa die Batteriechemie (beispielsweise bei Lithium-Ionen Akkus) keine Ladung mehr zulässt oder aber die Zellen beschädigt werden könnten. Das Batteriemanagementsystem (BMS) des Fahrzeugs muss dann heizen oder kühlen um den Akku vor Schäden zu schützen.
Wenn nun also nach langer Fahrt (Akku warm), schnell geladen werden muss (Akku wärmer), muss das BMS die Ladung begrenzen und die Lade- und somit Standzeit verlängert sich. Tesla und andere Hersteller sind hier mit höheren Ladenleistungen und aktiver Batteriekühlung besser aufgestellt.

Wer wissen will mit welchem Auto konkret welche Strecke wie zu fahren wäre, kann mit dem A Better Route Planner Routen mit verschiedenen Fahrzeugen, Ladestops und Ladezeiten durchspielen. Vorsicht: Bestimmt nicht 100% genau, aber hilft bei der Orientierung.

Aber der CO2 Ausstoß bei der Batterieherstellung

Eines Vorweg: Jede Produktion eines jeden Autos ist schlecht für die Klimabilanz.

Wie bei Verbrennern wird bei der Produktion von Elektroautos Energie verbraucht und somit CO2 ausgestoßen. Eine Studie des Frauenhofer Instituts im Januar 2020 bescheinigt sogar höhere Emissionen, betont aber auch, dass Elektro-PKWs über die Gesamtlebenszeit weniger Emissionen verursachen.
Diese Aussage ist auf die Annahme gestützt, das mit dem deutschen Strommix geladen wird, der sich tendenziell weiter in Richtung erneuerbarer Energien entwickelt. Zweitverwendung der Akkus nach der Lebenszeit im Auto kann hier weiterhelfen.

E-Autos machen also nur dann Sinn, wenn wir weiter erneuerbare Energien fördern. Fakt ist, der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung hat sich “seit 1990 mehr als verzehnfacht” und ist im dritten Quartal 2019 bei 42,4%.

Also ja: Es ist ein Stück Weit eine Wette auf die Verbesserungen die heute und morgen flächendeckend ausgerollt werden. Aber eine die ich glaubhaft finde und eingehen will.

Elektroautos sind auch erst weniger belastend für die Klimabilanz, wenn der Nutzer eine gewisse Fahrleistung fahren muss. Wie hoch genau diese Fahrleistung ist, lässt sich allerdings meiner Meinung nach nicht pauschal beantworten.
Wer hier nach Quellen sucht (Beispiel), findet schnell Publikationen aus dem Springer Medienuniversum und Ähnlichem, die Pauschal mit 100.000-150.000 km gegen Elektroautos Stimmung machen (nein, hier kann ich nicht ruhig bleiben, Medienempörung für viele Clicks nervt).

Die Faktoren die hier eine Rolle spielen sind:

Das bedeutet für mich: Es müsste von Fall-zu-Fall entschieden können werden. Diesen Aufwand wird keiner treiben (können). Fakt ist aber: Trotz des noch jungen Alters von Elektroautos und der damit verbundenen, wenigen Erfahrungswerte gibt es klare Indizien für eine erhöhte Lebensdauer von Elektrofahrzeugen und somit eine bessere Klimabilanz auf lange Sicht. Ob das die im Schnitt 333.333 km pro Akku des 1 Mio. Kilo Model S sind oder die Garantien für Akkus von 8 Jahren oder 160000 km die aktuell gängig sind. Mit einer derartigen Lebensdauer wäre nach der Diskussion oben, jedes Elektroauto bezüglich seiner Klimabilanz besser. Verbesserungen der Zellchemie von Akkus für die Nutzung in Elektroautos sollen das weiter verbessern. Indizien gibt es dafür schon heute.

Aber der Strom reicht nicht

Oft genannt ist die mangelnde Kapazität im Stromnetz, um Elektroautos zu laden “wenn alle um 19 Uhr nach Hause kommen…”. Hier müssen drei zentrale Punkte festgehalten werden:

  1. Wie wir im Abschnitt zuvor gelernt haben, muss nachts nicht mit voller Leistung geladen werden, weil die Standzeit ohnehin höher ist.
  2. Ein Akku läd nicht von 0-100% mit der vollen Leistung. Man spricht hierbei von einer Ladekurve die sich je nach Fahrzeug und Akkugröße unterscheidet. Hier einige Beispiele.
  3. Wenn 20 Autos in einer Tiefgarage des Wohnhauses gleichzeitig laden kann es auch bei geringer gleichzeitiger Leistung eng werden. Hier muss aktives Lastmanagement her, für das es bereits heute Lösungen gibt.

Publikationen, wie die in Punkt drei, zeigen dass ohne Netzausbau bereits heute eine große Anzahl Elektroautos geladen werden können. Stromspeicher bei Netzengpässen können diese Situation weiter begünstigen, gerade wenn wir auf erneuerbare Energien setzen müssen. Hier muss weiter investiert werden, um zentral wie auch zu Hause Energie vorhaltbar zu machen. Dazu gibt es bereits bessere Artikel als diesen hier.

Aber der Lithium/Kobalt Abbau ist schlimm

Ja ist er. Hier möchte ich auf einen Bericht beim WDR verweisen, der an mich herangetragen wurde. Der Bericht zeigt Aspekte, die ich so unterschreiben kann, andere Teile, möchte ich aber hier kommentieren.

Wie gesagt: Das Thema Ausbeutung ist schlimm, keine Frage und das Schlusswort des Beitrags bzgl. Umdenken und Verzicht aufs eigene Auto unterstütze ich voll und ganz. In Großstädten ist das heute schon möglich. 95% der Zeit stehen Autos in Deutschland (im Bericht genannt). Im Schnitt fährt der Deutsche ~35km am Tag (ich kam oben auf 39km). In nicht-städtischen Regionen kann das heute auch schon funktionieren wenn man Bereit ist Abstriche zu machen und sich einzuschränken. In wie weit, muss jeder selbst entscheiden.

Die Produzenten hinter dem Beitrag scheinen schon seit Jahren mit dem Thema Lithium und Chile auf Tour zu sein Finde ich gut, leider aber den Fokus etwas einseitig. Weil:

  1. Im Bericht kein Bezug auf den CO2 Ausstoß für Ressourcenabbau für Sprit und Fahrzeug genommen wird. Das ist aus den gleichen Gründen wie beim Lithium so schwierig, dass sich kein Hersteller vollständig die Mühe macht die Wertschöpfungskette vollständig transparent zu machen.

  2. Seit dem IPCC Sonderbericht ist klar, dass der menschengemachte Klimawandel da ist und eine Erwärmung von 2 Grad kommen wird wenn Ziele nicht erreicht werden. Diese zwei Grad, werden gerade in Regionen wie Chile Auswirkungen haben. Das Rechtfertig nicht die Mittel, zeigt aber, dass hier meiner Meinung nach einseitig Argumentiert wird.

  3. Die Automobilhersteller nutzen natürlich das Thema Elektroauto für sich wie es Ihnen passt. Die Regularien treiben Sie dazu: “Wer X Elektroautos verkauft, darf Y Benziner/Diesel verkaufen”, sagt die EU.

  4. Die Veränderung und das Umdenken kann nur funktionieren wenn wir “oberen 5% der Welt” (finanziell gesehen) Geld in die Hand nehmen. D.h. CO2 Bepreisen und aktiv in erneuerbare Quellen, Rohstoffrecyclen und artverwandte Themen investieren. Insofern geht das bei den Autoherstellern in die richtige Richtung, aber nicht konsequent genug.

Und jetzt?

Es gibt noch weitere Aspekte die beleuchtet werden müssen. Das hier genannte soll ein Abriss meines Eindrucks von dem Thema sein.

Trotz der nicht sofort positiven Auswirkungen für das Klima und die ohnehin ansteigende Zahl Autos auf unseres Straßen, auch im ländlichen Raum, werde ich nochmal ein Auto kaufen. Welches? Wahrscheinlich ein Model 3, da ich regelmäßig mehr als 500km am Stück fahre.

Wie das klappt und wie die Installation des go-eCharger in der Garage geklappt hat, werde ich ein andern Mal berichten.

Am Ende möchte ich aber noch den großartigen Leuten hinter dem Cleanelectric Podcast und den vielen genauso großartigen Leuten in der dazu gehörenden Community und dem Slack danken, die einem den Einstieg ins Thema MASSIV erleichtern. Wenn der Artikel hier etwas Interesse bei euch geweckt hat, werft am besten dort über Patreon 1€ ein und werdet dort richtig informiert :)

Feedback, gerne an mich auf Twitter. Wer das Thema sich lieber akkustisch antun möchte, freut sich auf die nächste Folge des Entropischen Duetts.

Danke, fürs Lesen! Habt Spass und bleibt gesund.